Beten in der Schule (Elternbrief 1)

Datum: 7. Januar 2020

Liebe Eltern, liebe Erziehungsberechtigte,

wenn Sie an Ihre eigene Schulzeit denken, dann erinnern Sie sich viel­leicht, dass zu Beginn der Religionsstunde und oft auch des Schultags gebetet wurde. Heute ist das in einer Reihe von Schulen nicht mehr der Fall – vor allem nicht mehr am Schulmorgen.

Die Gründe reichen von der Sorge, dass hierbei Beten zu einer bloßen Formalität wird, bis zum Argument, Beten sei Privatsache und gehöre nicht in die Schule. Zusätzlich wird auf die vielen nichtchristlichen Schüler und Schülerinnen (und oft auch Lehrkräfte) hingewiesen.

Doch kann das Beten für das Schulleben einen besonderen Gewinn be­deuten. Wir wollen Ihnen hierzu die wichtigsten Gesichtspunkte nennen.

Vorklärungen

Vorweg: Es wäre schön, wenn Sie gelegentlich Ihren Sohn oder Ihre Tochter fragten, „Wird bei Euch eigentlich in der Schule gebetet?“ – Im Anschluss daran könnte zwischen Ihnen und Ihrem Kind ein Gespräch über Beten und Glauben allgemein entstehen, in dem Sie einander näher kommen.

Doch zurück zum Beten in der Schule. Bei ihm sind zwei Aspekte wich­tig:

Zum Einen ist zwischen dem Beten im Religionsunterricht und am Schulmorgen in der Klasse zu unterscheiden.

Zum Andern gilt in beiden Fällen als Grundsatz: Beten oder Mitbeten ist Sache der freien Entscheidung! Es ist ein so persönliches Gesche­hen, dass es von niemandem erzwungen werden darf.

Beten im Religionsunterricht

Wesen und Formen von Beten

Jesus selbst hat das Beten befohlen (Matthäusevangelium Kap.6), und seither wird in der Christenheit gebetet. Dabei macht man sich oft nicht bewusst, welches Privileg und Geschenk wir Christen damit bekommen haben: Wir dürfen ohne die Vermittlung von Priestern, ohne die Einhal­tung bestimmter Vorschriften, Verhaltensweisen oder Formulierungen, jederzeit und überall zu Gott den Vater und Jesus Christus beten!

Zu Recht steht deshalb das Gebet im Mittelpunkt christlicher Frömmig­keit, und zu Recht hat es daher eine zentrale Stellung im Religionsun­terricht.

Dabei hat der Religionsunterricht eine doppelte Aufgabe:

– Er soll über die Elemente eines Gebetes informieren, also zu Anrede, Dank und Bitte(n), und er soll hierzu Text-Formen anbieten. Sehr wichtig ist, dass die Schüler und Schülerinnen das große Gebet der Christenheit auswendig lernen: das Vaterunser. Ferner sollten sie tradi­tionelle Tages-Gebete kennen (Tischgebete, Abendgebete).

– Der Unterricht soll daneben Möglichkeiten bieten, das Beten einzu­üben und auszuüben. Das geschieht u.a. durch das gemeinsame For­mulieren eines Gebetes und durch den festen Brauch, die Religions­stunde mit einem Gebet zu beginnen. Hierfür gibt es spezielle Gebet­bücher für die Schule. Besondere Bedeutung haben Gebetssammlun­gen, die im Unterricht oder in einer Projektgruppe von den Jugendli­chen selbst angelegt werden.

Mitbeten ist eine freie Entscheidung der Schüler/Schülerinnen

Über Wesen und Formen von Beten Bescheid wissen müssen alle am Religionsunterricht teilnehmenden Schülerinnen und Schüler. Anders verhält es sich beim Mitbeten. Hier gilt das bei den Vorklärungen Ge­sagte:

Die Lehrkraft kann – auch durch ihr eigenes Verhalten – dazu ermuntern und dazu einladen. Ob die Schüler und Schülerinnen aktiv mitbeten – das muss unter allen Umständen in ihrer freien Entscheidung liegen.

Deshalb soll während des Betens auch von den Jugendlichen keine spe­zielle Gebetshaltung gefordert werden. Dadurch würden die nicht Mit­betenden vereinnahmt. Von diesen muss lediglich verlangt werden, dass sie sich während des Gebetes ruhig verhalten.

Beten am Schulmorgen in der Klasse

Vom Sinn des Betens am Schulmorgen

Jeder Schultag bringt neue Erlebnisse: gefährliche auf den Schulwegen, schöne bei Erfolgen, belastende bei Kränkungen und Misserfolgen. Das gilt für die Schüler wie für die Lehrkräfte. Da hat es einen Sinn, sich vor Beginn des Unterrichts einen Moment zu besinnen: Was mag der Tag bringen? Wird man sich auf etwas freuen können, z.B. auf ein Lieb­lingsfach?

Freilich: Nicht selten werden Sorgen überwiegen:

Auf Schülerseite:

– angesichts von Schulaufgaben oder Abfragen,

– blamiert oder ausgelacht zu werden,

– das eigene Wissen und Können nicht richtig einbringen zu können.

Auf Lehrerseite:

– Schülerinnen oder Schülern nicht gerecht zu werden,

– sie unbewusst zu kränken oder zu verletzen,

– ungerecht zu sein oder die Geduld zu verlieren,

– die Unterrichtsziele nicht zu erreichen.

Im gemeinsamen Gebet können Ängste und Sorgen kleiner werden, können Zuversicht und Mut im Blick auf den beginnenden Schultag wachsen.

Zugleich kann im gemeinsamen Gebet der Blick über den Schultag hin­aus gehen: auf aktuelle gesellschaftliche Ereignisse, aber auch auf Men­schen nah und fern, die Hilfe brauchen. Und man kann Dankbarkeit und Freude darüber zum Ausdruck bringen, dass man selbst vor Schaden und Gefahren bewahrt wurde, und danken, wenn man Schönes erleben durfte.

Die Besonderheit des gemeinsamen Morgengebetes

Und es gibt eine Besonderheit: Während des Betens sind die Rollen von Schülern und Schülerinnen und der Lehrkraft weithin aufgehoben. Im Gebet vor Gott sind alle Betenden gleich.

Für Alle ist das gemeinsame Morgengebet ein immer „neuer, eigener Anlauf für den Schultag“: „ein Moment, der anders ist als Unterricht. Ein Moment, in dem keiner etwas von uns will, sondern in dem wir Kraft holen dürfen, jeder für sich, die Klasse, die Lehrerin oder der Leh­rer“ (Neuen Atem holen, Don Bosco-Verlag München 2003 u.ö., S.7).

Die Klassengemeinschaft soll entscheiden

Die wertvolle Bedeutung des Morgengebetes für die Klasse, seine Ge­staltung, aber auch mögliche Probleme hierbei sind von der zuständigen Klassen-Lehrkraft mit den Schülern und Schülerinnen zu besprechen – am sinnvollsten in enger Absprache mit den Religionslehrkräften. Und letztlich sollte die Entscheidung über das Gebet am Schulmorgen durch Abstimmung in der Klasse fallen.

Bei einem positiven Entscheid gilt für das Beten in besonderer Weise all das, was zum Verhalten und zur aktiven Teilnahme im Zusammenhang mit dem Beten im Religionsunterricht beschrieben wurde: keine be­stimmte Gebetshaltung, die freiwillige Beteiligung am aktiven Mitbeten – aber auch kein störendes Verhalten der nicht Mitbetenden während des Gebets.

Haben Sie, liebe Eltern und Erziehungsberechtigte, den Eindruck, dass in der Klasse Ihres Sohnes, Ihrer Tochter, diese Regeln nicht be­achtet werden, bitten wir Sie dringend, die Klassen-Lehrkraft darauf anzusprechen. Scheuen Sie sich nicht, denn es könnte sein, dass dann Ihre Tochter oder Ihr Sohn Widerwillen gegen das Beten entwickelt.

Rücksicht auf muslimische Schülerinnen und Schüler

Für Muslime in der Klasse sollte das Beten am Schulmorgen kein Problem sein, wenn als Anrede „Gott“ gewählt wird; dennoch wird man sensibel auf sie Rücksicht nehmen, etwa durch persönliche Gespräche vor der Diskussion über das Beten in der Klasse.

Liebe Eltern, liebe Erziehungsberechtigte,

wir würden uns sehr freuen, wenn wir Ihnen mit diesem Brief einige Anregungen zur Bedeutung des Betens in der Schule und zu seinem Beitrag für das Schulleben gegeben haben.

Mit freundlichem Gruß

Elternbriefteam des Evangelischen Initiativkreises Bildung und Erziehung Bayern (E.I.B.E)

Kontakt: www.eibe-initiativkreis-bayern.de

(Den kompletten Elternbrief können Sie nach dem Anklicken des folgenden Links herunterladen und – falls gewünscht –  ausdrucken und vervielfältigen. Nützen Sie hierzu den Broschürendruck, dann lässt sich der Elternbrief übersichtlich auf einem Din A 4-Blatt/Vorder-und Rückseite ausdrucken und falten:                  Beten in der Schule )

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