„Der Lehrer / Die Lehrerin mag mich nicht“ (Elternbrief 2)

Datum: 7. November 2019

Liebe Eltern, liebe Erziehungsberechtigte, 

dürfen wir Ihnen die Geschichte einer Lehrkraft erzählen?

Eine (leider) wahre Geschichte

Ich hatte einmal eine Schülerin, mit der kam ich nicht zurecht. Sie störte nicht eigentlich meinen Unterricht. Aber wenn sie mich ansah, mit halb geschlossenen Augen, dann wirkte sie auf mich immer so blasiert, nach dem Motto »Du und Deine Sachen, die langweilen mich«.

Eines Tages sprach mich die Schülerin am Ende der Unterrichtsstunde beim Hinausgehen plötzlich an. Sie sagte: »Ich weiß schon, Sie können mich nicht leiden!« Spontan und entrüstet habe ich abgewehrt: »Das stimmt nicht!«

Aber mir gingen die Worte der Schülerin nicht aus dem Sinn, und beim Nachdenken spürte ich: Sie hatte Recht. Ich mochte sie nicht, weil mich ihr Blick gestört hat.

Einige Zeit später erfuhr ich zufällig von einem Kollegen, dass das Mäd­chen eine Muskellähmung in den Augenlidern hatte.

Ich kann die Geschichte nicht vergessen, und sie tut mir leid. “

Wie soll man den Vorfall beurteilen?

Ist das Bedauern der Lehrkraft übertrieben?

Nein, wir glauben, es ist eine schlimme Geschichte, und zwar für alle Be­teiligten:

Schlimm für die Lehrkraft, weil sie gegen einen der wichtigsten Berufs­grundsätze verstößt: alle Schüler, alle Schülerinnen gleichermaßen anzuer­kennen.

Der Unterricht insgesamt wird belastet. Wenn Mitschüler die innere Ab­lehnung einer Schülerin spüren, dann finden sie die Lehrkraft ungerecht und „fies“; und weil Schüler und Schülerinnen hierbei nicht unterscheiden, kann es sich auf ihre Einstellung gegenüber dem ganzen Unterrichtsfach auswirken. Das hat für jedes Fach negative Folgen, besonders aber für den Religionsunterricht; denn in ihm geht es um besonders sensible Bereiche: um Glauben und Vertrauen.

Natürlich ist es vor allem schlimm für die betroffene Jugendliche. Sie fühlt sich der Lehrkraft ausgeliefert und im Selbstwertgefühl verletzt. Das Gefühl, nicht gemocht zu werden, kann auf die sonstigen Schulleistungen der Schülerin und auf ihr ganzes Verhalten ausstrahlen. Kränkungen oder Verletzungen im Religionsunterricht können zudem den Zugang zur bibli­schen Botschaft für das ganze Leben erschweren, ja verbauen.

Besonders problematisch ist es, wenn den Jugendlichen die Ablehnung nicht bewusst wird. Die Auswirkungen bleiben bestehen, ohne dass Abhilfe geschaffen werden kann.

Beim erzählten Vorfall hatte die Schülerin glücklicherweise den Mut, die Lehrkraft darauf anzusprechen. Viele Schüler oder Schülerinnen haben die­sen Mut nicht. – –

Die Seiten können jedoch auch vertauscht sein. Auch Lehrkräfte können von Schülern oder Schülerinnen abgelehnt, ja „gemobbt“ werden; und es trifft häufig gerade solche Lehrkräfte, die nicht „streng“ sind, also solche, die im Unterricht keinen Druck ausüben, sondern den Jugendlichen entge­genkommen möchten. Als sich eine solche Lehrerin bei den Schülern darüber beklagte, bekam sie zu hören: „Machen Sie sich nichts daraus, bei Ihnen trauen wir uns halt!“

Was Sie als Eltern tun können

Grundsätzlich gilt, Klagen ernst zu nehmen: „Ich stehe zu Dir. Ich verstehe Dich!“ Jugendliche brauchen Rückhalt durch ihre Eltern. Aber reagieren Sie bitte nicht vorschnell, sondern fragen Sie nach, weshalb Ihr Sohn/Ihre Tochter glaubt, nicht gemocht zu werden.

Bei Schuldzuweisungen zurückhaltend sein: Das gilt speziell im Bei­sein Ihres Sohnes/Ihrer Tochter. Deren Gefühl kann auf Missverständnissen beruhen oder eingebildet sein. (Was aber Ihre Tochter/Ihren Sohn dennoch belastet!) Klagen über eine Lehrkraft können auch falsches eigenes Verhal­ten im Unterricht oder Leistungsversagen überdecken.

Auf Symptome achten: Auch, wenn sich Ihr Sohn/Ihre Tochter nicht bei Ihnen beklagt, können Leistungsabfall in einem Fach, negative Äußerun­gen darüber, aber auch Klagen der Lehrkraft über störendes Verhalten Ihres Sohnes/Ihrer Tochter im Unterricht Hinweise darauf sein, dass sie in die­sem Fach nicht die ihm gebührende Anerkennung und Wertschätzung er­fahren.

Kontakt zur Lehrkraft suchen: Wenn Sie den Eindruck haben, dass sich Ihre Tochter/Ihr Sohn von einer Lehrkraft zurückgesetzt fühlt, dann sollten Sie Ihre Vermutung keinesfalls gegenüber Dritten äußern, ohne zu­nächst mit der Lehrkraft Kontakt aufgenommen zu haben.

Am Besten besuchen Sie die Lehrkraft in ihrer persönlichen Sprechstunde – im Sekretariat der Schule zu erfahren – , also nicht bei einem allgemei­nen Lehrersprechtag. An ihm ist meist zu wenig Zeit für ein eingehendes Gespräch. In diesem ist wichtig, direkte Anschuldigungen zu vermeiden, auch, um Ihren Sohn/Ihre Tochter vor Aversionen zu schützen, die mögli­cherweise bei der Lehrkraft ausgelöst werden.

Vielmehr sollten Sie zunächst die Lehrkraft um ihr Urteil über das Verhal­ten Ihres Sohnes/Ihrer Tochter im Unterricht bitten. Vielleicht zeigt sich dann, dass die Klagen unberechtigt sind.

Haben Sie aber den Eindruck, dass die Klagen zu recht bestehen, dann sollten Sie der Lehrkraft von den Ängsten bzw. von der Unlust Ihrer Toch­ter/Ihres Sohnes erzählen und fragen, wie ihrer Meinung nach die Proble­me zu lösen sind, und was Sie dazu beitragen können. Das wird möglicher­weise dazu führen, dass die Lehrkraft auch ihr eigenes Verhalten überprüft.

Sehr wichtig ist es – denken Sie an die eingangs erzählte Begebenheit! –, dass Sie im Falle von gesundheitlichen oder körperlichen Beeinträchtigun­gen Ihres Sohnes/Ihrer Tochter davon der Lehrkraft berichten. Es ist nicht sicher, dass sie darüber Bescheid weiß.

Wenn sich die Gelegenheit bietet, erzählen Sie von den allgemeinen Vor­lieben und Neigungen Ihrer Tochter/Ihres Sohnes, aber auch von Schwie­rigkeiten, wenn sie zur Zeit belastet werden, etwa durch Krankheiten in der Familie oder durch den Tod von Großeltern. Es ist sehr hilfreich, wenn die Lehrkraft auch vom „außerschulischen Leben“ Ihres Sohnes/Ihrer Tochter erfährt und sie so von einer anderen Seite her kennen lernt.

Schließlich sagen Sie der Lehrkraft, dass Ihnen daran liegt, mit ihr in Kon­takt zu bleiben.

Wenn Sie glauben, dass weitere Schritte nötig werden

Bitte überstürzen Sie nichts: Haben Sie den Eindruck, die Lehrkraft versteht Ihre Sorgen nicht, dann reagieren Sie bitte nicht gleich heftig.

Der eingangs geschilderte Vorfall zeigt: Es ist durchaus möglich, dass die Lehrkraft in der aktuellen Gesprächssituation erst einmal abweisend rea­giert, später aber doch Ihr gemeinsames Gespräch überdenkt und sich Ihrer Besorgnis annimmt.

Warten Sie deshalb nach Ihrem Gespräch etwa zwei bis drei Wochen ab.

Nehmen Sie nochmals Kontakt mit der Lehrkraft auf: Haben Sie nach der genannten Zeit das Gefühl, das Verhalten der Lehrkraft gegenüber Ihrer Tochter/Ihrem Sohn sei unverändert, dann versuchen Sie bitte, noch einmal mit ihr in Kontakt zu kommen. Spüren Sie, dass Ihr Anliegen im­mer noch nicht verstanden und ernst genommen wird, dann raten wir Ih­nen, Verbindung mit dem Klassenleiter aufzunehmen, sofern dieser nicht selbst betroffen ist, oder mit der an jeder Schule vorhandenen Vertrauens­- bzw. Verbindungslehrkraft. Zu ihren Aufgabe gehört es, bei Problemen zwischen Schülern und den Lehrkräften zu vermitteln.

Im äußersten Fall: Wenn nach allen Bemühungen die Schwierigkeiten fortbestehen, dann suchen Sie ein Gespräch mit der Schulleitung, um ein weiteres Vorgehen zu besprechen. Sehen Sie keine andere Lösung, dann fragen Sie bei der Schulleitung nach der Möglichkeit, dass Ihr Sohn/Ihre Tochter im nächsten Jahr eine andere Lehrkraft bekommt.

Ganz allgemein aber raten wir: Überlegen Sie zusammen mit Ihrem Sohn/Ihrer Tochter, wie sie sich gegenüber der Lehrkraft verhalten sollen und sprechen Sie Ihr eigenes weiteres Vorgehen mit ihnen ab. Wenn Ihr Sohn/Ihre Tochter Angst hat, dass ein Gespräch von Ihnen mit der betrof­fenen Lehrkraft die Sache nur verschlimmern würde, dann überlegen Sie bitte, ob es ratsam ist, dennoch zur Lehrkraft zu gehen.

Wenn es Ihnen nicht ratsam scheint, dann besprechen Sie mit Ihrer Toch­ter/Ihrem Sohn, wer in der Schule als Vermittler in dienen könnte.

Liebe Eltern, liebe Erziehungsberechtigte,

vielleicht können Ihnen diese Hinweise einige Anregungen geben, wie Sie sich bei Problemen Ihres Sohnes/Ihrer Tochter mit einer Lehrkraft verhal­ten.

Es würde uns freuen.

Ihr

Elternbriefteam im Evangelischen Initiativkreises für Bildung und Erzie­hung in Bayern (E.I.B.E)

(Den kompletten Elternbrief können Sie nach dem Anklicken des folgenden Links herunterladen und – falls gewünscht –  ausdrucken und vervielfältigen. Nützen Sie hierzu den Broschürendruck, dann lässt sich der Elternbrief übersichtlich auf einem Din A 4-Blatt/Vorder-und Rückseite ausdrucken und falten:                      Der Lehrer-Die Lehrerin mag mich nicht )              

Kontakt: www.eibe-initiativkreis-bayern.de.

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