„Ich kann das nicht mehr glauben“ – Glaubenskrisen Jugendlicher (Elternbrief 3)

Datum: 7. November 2019

Liebe Eltern, liebe Erziehungsberechtigte,

haben Sie das auch schon erlebt? Jahrelang ging Ihr Sohn/Ihre Tochter gern in den Religionsunterricht. Biblische Geschichten hören … Bilder malen … Lieder singen … Probleme diskutieren … Religionsunterricht war eines der liebsten Fächer.

Und dann sagt Ihre Tochter/Ihr Sohn plötzlich: Ich kann das alles nicht mehr glauben, was der Religionslehrer sagt. Was in der Bibel steht, ist nicht wahr! Meine Freunde sagen, dass sie schon lange nicht mehr an Gott glauben.

Sie sind völlig überrascht. Was ist geschehen? Haben Sie im Blick auf den Glauben etwas falsch gemacht? – Nein. Sie haben nichts falsch gemacht.

Wie Kinder glauben

Das Verhalten Ihres Sohnes/Ihrer Tochter ist ein wichtiger Schritt in deren Persönlichkeitsentwicklung. Von klein auf versuchen Kinder ihre Lebens­welt in eine bestimmte Ordnung zu bringen. Dabei orientieren sie sich zu­nächst vor allem an Ihnen als Eltern. Bald erfahren sie aber, dass Eltern nicht alles können, sondern dass eine Macht stärker ist als sie, und dass diese Macht innerhalb unserer Tradition „Gott“ genannt wird. Bei ihrer Vorstellung von Gott orientieren sich die Kinder meist an den Eltern, also an Ihnen. Gott verstehen sie dann traditionell als allmächtigen „Vater im Himmel“, und sich selbst als seine Kinder auf der Erde.

Diese Lebensphase des Kindes ist die Zeit des „Kinderglaubens“, und in dieser Zeit sind Kinder in besonderer Weise offen für Bilder und Erzäh­lungen aus der christlichen Glaubenstradition.

Kinderglaube kann sehr tief sein. Er kann Erwachsene erstaunen lassen und bereichern. Schon das Neue Testament stellt uns den Kinderglauben als Modell vor Augen. So sagte Jesus zu seinen Jüngern: „Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Got­tes. Wahrlich, ich sage euch: Wer nicht das Reich Gottes annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ (Lukasevangelium Kap.18, 16-17).

Woran sich Jugendliche orientieren

Mit dem Ende der Kinderzeit beginnt eine umfassende Neuorientierung. Alles, was bisher galt, kommt auf den Prüfstand. Von großer Bedeutung sind dabei Ansichten von Freundinnen, Freunden und Mitschülern – und immer stärker Vorstellungen, die durch die Medien vermittelt werden.

Maßstab sind dabei jedoch die eigenen Erfahrungen. Vor ihnen haben sich alle bisherigen Autoritäten zu verantworten, auch die Eltern mit ihren An­sichten, aber auch der christliche Glaube – und selbst Gott. Geprüft und entschieden wird anhand konkreter Erlebnisse:

Was in Glaubensdingen wahr ist oder falsch, das entscheidet sich in star­kem Maß am Verhalten, das die Jugendlichen bei den Eltern, bei Vertretern der Kirche und gerade auch bei Religionslehrern beobachten. All dies beeinflusst auch das Gottesbild der Jugendlichen.

Daneben entscheidet sich ihre Stellung zum Glauben an dem, was sie an Gottes „Verhalten“ gegenüber der Welt feststellen, und hier zählen für sie oftmals vor allem negative Dinge: Ungerechtigkeit, Streit, Krieg, Leid. Als Folge ist das Urteil über Gott und sein Handeln oft hart und radikal. – Aber: Dieses Urteil ist immer eine Momentaufnahme. Es wird beim Älter­werden immer wieder neu gesprochen, und sich dabei meistens ändern.

Was Eltern vermeiden sollten

Eltern (aber auch Religionslehrkräfte) können bei der Glaubensentwick­lung der Kinder und Jugendlichen Fehler machen. Hierzu zählt, wenn sie das Ende des „Kinderglaubens“ nicht bemerken. Jugendliche reagieren ge­rade in Glaubensdingen äußerst allergisch, wenn sie sich „kindisch“ behan­delt fühlen. Besonders problematisch ist es, wenn Eltern versuchen, im Blick auf Glauben oder Kirche Druck, gar Zwang auszuüben. Wenn sie z.B. fordern: „Das musst Du eben glauben!“ Oder: „Du gehst in den Got­tesdienst!“ Oder: „Du betest!“ Oder auch: „Keine Widerrede, Du besuchst den Reli­gionsunterricht!“ –

Glaube ist ein Geschenk, das man nicht erzwingen kann. Man kann ihn nur bezeugen und für ihn werben. Eltern werden fast immer scheitern, wenn sie religiösen Druck ausüben. Sie werden den gegenüber Kirche oder Glaube kritisch gewordenen Sohn bzw. die Tochter in ihrer Haltung eher bestärken.

Wie Eltern helfen können

Ganz wichtig ist es, dass die kritischen Übergangsphasen in der Entwick­lung des Glaubens nicht zur Endstation werden; dass die Jugendlichen also nicht bei ihnen stehen bleiben, sondern durch diese – notwendigen – Ent­wicklungsphasen hindurch zu einer reifen und ausgewogenen Einstellung gegenüber dem christlichen Glauben kommen.

Eltern haben oftmals Scheu, mit ihrer Tochter/ihrem Sohn über konkrete eigene Glaubenserfahrungen und -fragen zu sprechen: über geweckte Hoff­nungen, über aufgeworfene Fragen, über erfahrenen Trost – und auch über eigene Glaubenszweifel. Die Scheu, davon zu reden, hat einen guten Grund. Gerade im Blick auf den Glauben gibt es einen intimen Bereich. Das gilt für Sie selbst – und er muss auch bei Ihrem Sohn/Ihrer Tochter re­spektiert werden.

Und doch sollten Sie Ihre Tochter und Ihren Sohn mit ihnen zum Problem gewordenen Gottesvorstellungen und Glaubensfragen nicht allein lassen.

Sie als Eltern können Ihre Tochter/Ihren Sohn helfend begleiten,

indem Sie – ohne konkreten persönlichen Bezug – in Ihrer Familie ab und an über Religion bzw. Glauben sprechen – und so Ihrer Tochter/Ihrem Sohn die Möglichkeit bieten, sich einzubringen. Anlässe hierzu können christliche Feste sein (sowie Feste anderer Religionen), ferner Familien-Er­eignisse wie Geburt und Tod, traditionelle christliche Sitten, ferner Begeg­nungen mit christlicher Kunst und Bauwerken, sowie mit Glaubensformen fremder Religionen z.B. auf Urlaubsreisen;

indem Sie im Fall, dass Ihr Sohn/Ihre Tochter Sie gezielt darauf anspre­chen, über Ihren Glauben Auskunft geben und ggfs. auch offen über eigene Glaubensprobleme sprechen und zeigen, dass Sie selbst auf der Suche sind;

indem Sie Verständnis für Kritik ihrer Tochter bzw. Ihres Sohnes am christlichen Glauben haben, sie nicht bedrängen, sondern ihnen Zeit lassen, sich mit ihren Glaubensproblemen auseinander zu setzen;

und, vor allem: indem Sie jeden Zwang in Glaubensdingen vermeiden.

Was sonst noch hilfreich sein kann

Gemeinsames Beten und der Besuch des (Kinder-)Gottesdienstes, sowie das Feiern der christlichen Feste vermögen kleinen Kindern beim Zurecht­finden in Glaubensdingen zu helfen.

Jugendliche, die altersgemäß allem Herkömmlichem kritisch gegenüberste­hen, finden in den Formen traditioneller Kirchlichkeit wenig Halt. Übliche Gemeindegottesdienste sind für sie häufig langweilig (was Besuchspflicht für Konfirmanden zum Problem macht) – nicht aber spezielle Jugendgot­tesdienste. Gemeinsames Beten in der Familie ist ihnen oft peinlich, nicht jedoch ein eigenes stilles Gebet am Abend. Von den christlichen Festen schätzen sie Weihnachten der Stimmung und Gaben wegen, während ihnen Ostern nur teilweise etwas bedeutet, Himmelfahrt und Pfingsten häufig nur am Rand wahrgenommen werden. Es wäre schön, wenn Sie über deren Be­deutung bei Gelegenheit mit Ihrer Tochter/Ihrem Sohn sprechen könnten.

Besonders wichtig sind für sie positive Kontakte zu jungen Gleichaltrigen und das Erleben von Gemeinschaft

auf Konfirmandenfreizeiten (z.B. in „Konficamps“),

in Jugendtreffs innerhalb der örtlichen Kirchengemeinden,

in christlichen Jugendgruppen,

im Rahmen kirchlicher Ferienangebote und Freizeiten, sowie

durch religiöse Gemeinschaftserlebnisse in der Schule.

Alle diese Möglichkeiten können jene Orientierung, Zuwendung, Anerken­nung und Wertschätzung vermitteln, die gerade für Jugendliche im Alter des Suchens und der Unsicherheit von großer Bedeutung sind.

Glaubenskrisen sind wichtig

Die Glaubenskrise beim Verlassen des Kinderglaubens bedeutet eine große Chance: die – wichtige – Weiterentwicklung hin zu einem reifen Erwachse­nenglauben, der sich in den Höhen und Tiefen des Lebens als tragfähig er­weist und in der fruchtbaren Spannung von Zweifel und neuer Gewissheit lebendig ist.

Denn Zweifeln und Glauben sind die zwei Seiten derselben Sache – der Offenheit unseres Denkens für das, ’was uns unbedingt angeht’ (Paul Til­lich): für unsere Stellung vor Gott. Wer keine Glaubenszweifel hat, der sollte sich fragen, ob mit dem Verlust des Zweifelns nicht auch die Bedeu­tung des Glaubens für sein Leben verloren gegangen ist.

Im Wechsel zwischen Glaubenszweifel und Gewissheit finden christliches Denken und Tun zueinander, vollzieht sich christlicher Glaube.

Liebe Eltern, liebe Erziehungsberechtigte,

vielleicht können Ihnen mit diesem Brief einige Anregungen geben.

Es würde uns freuen.

Ihr Elternbriefteam im Evangelischen Initiativkreis für Bildung und Erzie­hung in Bayern

(Den kompletten Elternbrief können Sie nach dem Anklicken des folgenden Links herunterladen und – falls gewünscht –  ausdrucken und vervielfältigen. Nützen Sie hierzu den Broschürendruck, dann lässt sich der Elternbrief übersichtlich auf einem Din A 4-Blatt/Vorder-und Rückseite ausdrucken und falten: Glaubenskrisen Jugendlicher )  

Kontakt: www.eibe-initiativkreis-bayern.de.

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