„Schule und Gottesdienst – geht das zusammen?“ (Elternbrief 6)

Datum: 7. November 2019

Liebe Eltern, liebe Erziehungsberechtigte,

es kann sein, dass Ihre Tochter, Ihr Sohn nach Hause kommt und sagt: „In der nächsten Woche ist Schulgottesdienst. Muss ich da hingehen? Einige aus der Klasse haben schon gesagt, sie gehen nicht hin!“

Was werden Sie antworten?

Dürfen wir hierzu Ihnen einige Anregungen geben?

Schulgottesdienste und Schulandachten vertragen keinen Zwang!

Müssen“ tut Ihre Tochter, Ihr Sohn nicht. Das ist vorweg festzustellen. Allerdings sind Schulgottesdienste und Schulandachten – gottesdienstliche Veranstaltungen in kleinerem Rahmen – in Bayern wie vielen anderen Bundesländern reguläre schulische Veranstaltungen und Teil der religiösen Erziehung in den Schulen. Doch weil die Teilnahme an einem Gottesdienst oder einer Schulandacht immer freiwillig bleiben muss, formuliert die allgemeine Bayerische Schulordnung in § 27 ganz bewusst nicht: Die Teilnahme der Schülerinnen und Schüler ist Pflicht, sondern nur: „zu ermöglichen und zu fördern“.

Aber es heißt eben auch: zu fördern. Denn es gibt gute Gründe für Schulgottesdienste und -andachten.

Schulgottesdienste und Schulandachten begleiten das Schuljahr und setzen in ihm Akzente

Akzente setzen die Gottesdienste vor allem zu Beginn und am Ende jedes Schuljahrs.

Vor dem Schuleintritt und nach den großen Ferien sind alle Schüler und Schülerinnen gespannt und auch unsicher: „Was wird das Schuljahr bringen?“ „Welche Lehrkräfte habe ich?“ „Werde ich das Jahr schaffen?“

Im Anfangsgottesdienst werden die Fragen und mögliche Ängste zur Sprache und in Bitten vor Gott gebracht, auch, dass man auf den Schulwegen keinen Unfall erleidet, dass es im Unterricht gerecht zugeht, dass eine gute Klassengemeinschaft entsteht, dass man sein Können in den Unterricht einbringen kann, dass man auch Schönes und Freude erlebt.

Im Gottesdienst am Schuljahresende geht der Blick zurück. Dabei überwiegt der Dank für Alles, was gelungen ist, was man gelernt und an Neuem

erfahren hat. Daneben ist der Gottesdienst aber auch der Ort, an dem Schüler und Schülerinnen Trost finden können, wenn ihnen im Lauf des Schuljahres etwas missglückt ist, oder wenn sich in der Klasse oder in der Schule Trauriges ereignet hat.

Das Schuljahr ist nicht nur vom Kalender geprägt, sondern in hohem Maß auch vom christlichen Jahreskreislauf – nicht zuletzt im Blick auf die Ferien. Dieser Jahreslauf hat drei große Gliederungszeiten: Advent/Weihnachten, Passionszeit/Ostern und Pfingsten.

Im Rahmen dieser Festzeiten angebotene gottesdienstliche Veranstaltungen in der Schule haben eine immer wichtigere Bedeutung: Sie wirken der Überflutung durch konsumorientierte Feiertags-Werbung entgegen – vor allem vor Weihnachten –, und sie öffnen den Jugendlichen den Blick auf das Wesen und das jeweilige Brauchtum der christlichen Festzeiten.

Schulgottesdienste und Schulandachten machen kreativ

Schülern und Schülerinnen bieten beide Veranstaltungen gute und wichtige Möglichkeiten, sich in deren Planung, Vorbereitung und Durchführung ein­zubringen. Nicht selten entfalten dabei Jugendliche ihre Lehrkräfte überra­schende Aktivitäten und Fähigkeiten. Es gibt sogar Schulen, an denen Schüler und Schülerinnen einen eigenen und hoch kreativen liturgischen Arbeitskreis gebildet haben.

Der Bogen der Mitwirkung und Beteiligung reicht von der Themenfindung über das Entwerfen von Einladungsplakaten, die Festlegung des Ablaufs, die musikalische Gestaltung, die Schriftauswahl und -lesung, die Formu­lierung und Sprechen von Gebeten bzw. Fürbitten bis hin zu Diskussion und Entscheidung über einen möglichen Spendenzweck.

Insgesamt kann sich bei all den Aktivitäten noch ein wichtiger Nebeneffekt ergeben: Sie bieten Gelegenheit, gemeinsam am konkreten Beispiel über das Wesen von Gottesdiensten und Andachten nachzudenken.

Schulgottesdienste und -andachten können Gemeinschaft schaf­fen

Schon die letzten Sätze deuten es an: Schulgottesdienste und -andachten können Gemeinschaft stiften. Sie kann sich auf drei Ebenen zeigen:

Die an Planung, Vorbereitung und Durchführung Beteiligten lernen sich und die Lehrkraft in einer Weise kennen, wie sie der übliche Unterricht nicht bieten kann. Zusätzlich ist es etwas Besonderes, wenn sich die Vor­bereitungsgruppe aus Schülern und Schülerinnen verschiedener Klassen oder Altersstufen zusammensetzt.

In den gottesdienstlichen Veranstaltungen bilden die teilnehmenden Ju­gendlichen und Lehrkräfte eine feiernde Gemeinde. Dabei gibt es zwei Formen:

In gemeinsamen Veranstaltungen für alle (ökumenische Gottesdienste“) erleben die Teilnehmer die alle Christen umspannende Einheit unter ihrem Herren Jesus Christus.

In den jeweils besonderen Veranstaltungen der Kirchen erleben die Teilnehmenden die Gottesdienstformen, Lieder sowie den vertrauten Wortlaut biblischer Texte ihrer Kirchen. Diese Gottesdienste werden für die Jugend­lichen der kirchlichen Minderheiten immer wichtiger, weil sie in ihnen ein eigenes Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln können.

Zugleich entsteht während gottesdienstlicher Schulveranstaltungen auch eine Verbundenheit zwischen den Schülern und den teilnehmenden Lehr­kräften – eine Verbundenheit besonderer Art. Im gemeinsamen Hören, Sin­gen und Beten sind die „Rangunterschiede“ aufgehoben: Jugendliche und Lehrkräfte stehen vor Gott auf der selben Stufe.

Wenn dann das gemeinsame Erleben und Feiern im Schulgottesdienst in den alltäglichen Umgang zwischen Lehrkräften und Schülern hineinwirkt, haben diese Gottesdienste eine positive Ausstrahlung auf die ganze Schule. Nicht zuletzt unter diesem Aspekt ist wünschen, dass möglichst viele Lehr­kräfte – und auch sonstiges Schulpersonal – an den gottesdienstlichen Ver­anstaltungen teilnehmen.

Schwierigkeiten, die es zu meistern gilt

Liebe Eltern und Erziehungsberechtigte, wie haben Ihnen eine Reihe von Gesichtspunkten genannt, weshalb Schulgottesdienste und Schulandachten für die Schule wichtig sind. Wir möchten aber nicht den Eindruck erwe­cken, dass wir nur die positiven Seiten sehen. Wir kennen auch damit ver­bundene Schwierigkeiten. Wir sind aber gewiss, dass sie zu meistern sind. Dabei denken wir nicht an den Organisationsaufwand – der wird selbst­verständlich von den Religionslehrkräften und mit ihren Helfern geleistet. Wir denken an folgende Fälle:

wenn Gottesdienste und Andachten so angesetzt werden, dass die Alter­native für nichtteilnehmende Jugendliche schulfrei heißt. Deshalb schreibt für diese das Schulrecht einen Ersatzunterricht vor, beispielsweise mit Themen aus dem Bereich Ethik1.

wenn Druck ausgeübt wird, an den gottesdienstlichen Veranstaltungen teilzunehmen. Wenn Sie den Eindruck haben, wenden Sie sich bitte an die Religionslehrkraft Ihres Sohnes oder Tochter bzw. an die Schulleitung.

wenn es im Gottesdienst Disziplinprobleme gibt, durch Jugendliche, die sich nicht der Würde des kirchlichen Ortes und des Gottesdienstes ent­sprechend verhalten.

Liebe Eltern, liebe Erziehungsberechtigte, bitte helfen Sie mit, solche Stö­rungen zu vermeiden, indem Sie ab und an über dieses Thema mit Ihrem Sohn/Ihrer Tochter sprechen.

Schulgottesdienste sind Orte des Vergebens und Verzeihens

Aus dem bisher Gesagten sollte deutlich geworden sein: Die genannten Schwierigkeiten wiegen gering gegenüber dem, was Schulandachten und speziell Schulgottesdienste den an der Schule Tätigen zu geben vermögen.

Zu all dem bereits Genannten kommt noch etwas sehr Wichtiges hinzu: Es ist unausweichlich, dass man im Schulbetrieb aneinander schuldig wird. Gottesdienstliche Veranstaltungen sind Orte, an denen die daran Teilneh­menden ihre Schuld bekennen und dafür vor Gott um Vergebung bitten und sie erfahren können.

Das ist vielleicht die größte Gabe dieser Veranstaltungen für das Mitei­nander in der Schule. — —

Liebe Eltern, liebe Erziehungsberechtigte,

wir hoffen, dass wir Ihnen mit diesen Gedanken die Antwort etwas leichter gemacht haben, wenn Sie gefragt werden: „In der nächsten Woche ist Schulgottesdienst. Muss ich da hingehen?“

Mit freundlichem Gruß, Ihr

Elternbriefteam im Evangelischen Initiativkreis für Bildung und Erziehung in Bayern (E.I.B.E).

(Den kompletten Elternbrief können Sie nach dem Anklicken des folgenden Links herunterladen und – falls gewünscht –  ausdrucken und vervielfältigen. Nützen Sie hierzu den Broschürendruck, dann lässt sich der Elternbrief übersichtlich auf einem Din A 4-Blatt/Vorder-und Rückseite ausdrucken und falten: Schulgottesdienste und Schulandachten )  

1Verwaltungsgericht München, Beschluss v. 10.07.2018 – M 3 E 18.2207.

Kontakt: www.eibe-initiativkreis-bayern.de 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.